Leben in Shanghai #16 – Siegburg/Bonn vs. Shanghai

Wie versprochen, werde ich euch heute von meinem kleinen “Rückwärts-Kulturschock” erzählen. In meinem letzten Post habe ich schon angedeutet, dass mir viele Dinge in Deutschland aufgefallen sind, die mir vorher nie bewusst waren. Ich kann natürlich nicht für ganz Deutschland sprechen, sondern nur für die Region Siegburg/Bonn, da ich dort in den letzten Wochen die meiste Zeit verbracht habe. Während meiner Zeit in Good-Old-Germany habe ich mir immer wieder Stichpunkte gemacht. Los gehts.


Ruhe und wenig Menschen

Als ich in Düsseldorf landete, war ich schon ein bisschen irritiert – so wenig Menschen – so wenig Lärm und kaum blickende Werbung. Vor allem irritierte mich, dass die Menschen alle so leise sprechen. Ebenfalls seltsam war für mich in den ersten Minuten, dass ich die Sprache verstand und ich ab diesem Zeitpunkt etwas aufpassen musste, dass ich nicht alles (wie in Shanghai) laut ausspreche, was ich denke. Als ich Abends in von meinen Eltern zu unserem Haus lief, irritierte mich die Stille. In meiner ersten Nacht wurde ich ständig wach, weil es so still war und war glücklich, wenn ein Flugzeug über unser Haus flog. Siegburg war für mich, bis vor unserem Abflug nach Shanghai, immer eine gemütliche Kleinstadt gewesen, Bonn hingegen habe ich immer geliebt, weil es groß, aber nicht zu groß ist und man alles Nötige dort findet. Köln war für mich immer eine Großstadt und dort zu Shoppen der absolute Horror – viel zu viele Menschen. In diesem Punkt merke ich, dass mich Shanghai schon in kurzer Zeit sehr verändert hat. Siegburg kommt mir vor wie ein größeres Dorf. Als wir Sonntags dort Eis essen gegangen sind, war die Stadt wie ausgestorben – etwas, dass hier undenkbar wäre. In Shanghai ist immer etwas los. Als ich mit meiner Mama am Brückentag in Bonn unterwegs war und diese sich beschwerte, wie voll es doch sei, dachte ich mir nur “Voll? Wirklich?”. Mein Empfinden bzgl. Menschenmassen und Lärm hat sich komplett verändert. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich mich an die Ruhe und die wenigen Menschen wieder sehr schnell gewöhnt habe. Jetzt, wo wir wir wieder zurück sind, habe ich Shanghai nicht mehr als so laut und voll empfunden, wie bei unserem Umzug hier hin. Es ist schon seltsam, wie schnell man sich an gewisse Dinge gewöhnt.

 

Natur, Tiere und gute Luft

Shanghai ist für eine Großstadt extrem grün, aber ist und bleibt eben eine Großstadt. Schon auf dem Flughafen habe ich mir gedacht “Wow die Luft ist aber gut”. Ja genau – am verdammten Flughafen. Auf der Autobahn habe ich die vielen Rapsfelder, die in voller Blüte standen und die Felder bewundert. Ich habe es extrem genossen, bei meinen Eltern einfach im Garten zu sitzen. Bei meinem Vater sind mir die vielen Tiere aufgefallen – Vögel, Käfer, Libellen, Schmetterlinge. Ich habe immer wieder gemerkt, wie sehr ich mich über solche Kleinigkeiten freuen konnte. Natürlich sieht man auch bei uns das ein oder andere Tier. Aber nicht so zahlreich. Die Natur wurde hier (noch) von der Stadt verdrängt. Gestern saßen wir bei Freunden, die etwas außerhalb wohnen, gemütlich im Garten und auf einmal lief ganz gemütlich ein Tier, in Größe einer Katzer, durch den Garten. Nach ein paar Recherchen im Internet bin ich mir sehr sicher, dass es ein asiatischer Dachs war. Generell sieht man hier relativ wenig Tiere und wenn, handelt es sich um Katzen und Hunde.

 

Essen

Erst in Deutschland habe ich eigentlich so richtig festgestellt, welche Art von Essen mir in Shanghai fehlt, obwohl fehlen auch vielleicht nicht das richtige Wort dafür ist. Wir haben hier alles, was wir brauchen. Ich habe mich sehr gefreut endlich wieder Obst und Gemüse, ohne ständig Angst vor einer Lebensmittelvergiftung o.Ä. zu haben, zu essen.  Der Mai ist bekannt für seine Spargel- und Erdbeerzeit. Beides gibt es natürlich auch in Shanghai, schmeckt aber bei Weitem nicht so gut wie in Deutschland. Wir backen zwar unser Brot hier selbst, aber endlich wieder einmal ein Brötchen zu essen, war auch nicht verkehrt. Käse und Fleisch – The Never Ending Story – Fleisch ist für mich nicht das große Problem. Ich kaufe es ist nicht, wegen der vielen Lebensmittelskandalen, sondern wir essen es nur in Restaurants. Jedoch Käse ist so eine Nummer für sich. Der meiste Käse wird hier importiert und mit Zusatzstoffen haltbar gemacht, auf die ich allergisch reagiere – juckende Haut, Bauchschmerzen, laufende Nase. In Deutschland war ich im Paradies. Endlich konnte ich wieder leckeren Käse ohne große Bedenken essen. Beim Thema Fleisch ging es mir ähnlich. Es war schön mit der Familie im Garten zu grillen und ein leckeres Steak zu genießen. In Deutschland ist mir extrem aufgefallen, wie gut unsere Supermärkte sind und wieviel Auswahl und Möglichkeiten wir haben.

 

In China sehen alle Menschen gleich aus

“In China sehen alle Menschen gleich aus” – dieser Satz ist einer der häufigsten, den ich in den letzten Monaten gehört habe. Das stimmt absolut nicht. Mittlerweile können wir sehr gut unterscheiden, aus welchen Regionen Chinas, die Menschen, die uns in Shanghai begegnen kommen und gleich sehen diese definitiv nicht aus. Das Witzige ist, dass ich so gegenüber den Deutschen empfinde. Als ich mit meiner Freundin in Bonn unterwegs war, fiel mir extrem auf, dass eigentlich alle jungen Frauen zwischen 16 und 22 nahezu identisch aussehen – Jeans – Sneaker – weißes oder schwarzes T-Shirt, lange Haare, die meistens zum Pferdeschwanz gebunden waren und dicke Augenbrauen. Ein paar Tage später traf ich mich wieder mit meiner Freundin und sie erzählte mir, dass sie, seit ich zu ihr gesagt habe, dass alle Frauen in unserer Region gleich aussähen, extrem darauf geachtet hätte und ihr dies auch aufgefallen sei und ihr das vorher nie bewusst war. In meiner bunten, zum Teil sehr chinesischer, auffallender Kleidung kam ich mir wie ein Paradiesvogel vor. Die Leute haben mich angestarrt als käme ich von einem anderen Planeten. In diesen Momenten habe ich mir manchmal gewünscht, eine Jeans – Sneaker  und ein T-Shirt zu tragen. Denn die Blicke waren zum Teil extrem abwertend. Etwas, dass man hier in Shanghai nie erleben würde. Du kannst noch so verrückt aussehen, es würde hier keinen interessieren. In dieser Hinsicht bin ich extrem froh wieder in Shanghai zu sein.

 

Dankbarkeit

Ein weiterer Punkt, der mir extrem aufgefallen ist, ist das Thema Dankbarkeit. In meiner Zeit in Deutschland bin ich viel Bahn und Straßenbahn gefahren. Dort erlebt man die wildesten Gespräche. Es wurde sich über die kleinsten Dinge beschwert, als wären sie lebenswichtig. “Mein IPhone ist jetzt schon 1 Jahr alt – das geht mal garnicht. Ich muss unbedingt ein Neues haben. Aber weißt ja wie das ist – No Money am Ende des Monats. So ein…. ” Ihr glaubt garnicht wieviele Gespräche ich in dieser Art gehört habe. First World Problems – wie mein guter Freund Lukas immer sagt. Als ich noch in Deutschland gelebt habe, habe ich über diesen Spruch von ihm immer geschmunzelt. Mittlerweile muss ich ihm Recht geben. Wenn das die größten Probleme meiner Generation sind… Shanghai hat mich in einem Punkt extrem viel gelehrt. Ich bin unglaublich dankbar für das, was Christian und ich hier haben. Ich bin dankbar, dass ich in Deutschland geboren wurde und nicht in völliger Armut aufwachsen musste. Ich bin jeden Tag aufs neue dankbar, dass ich dieses Leben, das ich lebe, leben darf und kann. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich sind in Shanghai riesig. Sobald man aus dem schillernden Zentrum herausfährt, sieht man das wahre Shanghai. Ich glaube wir sehen viel zu oft nur die Dinge, die wir nicht im Leben haben, statt die schönen Dinge, die wir im Leben haben und beschweren uns in Deutschland deshalb sooft über Nonsense.

 

So viel erst einmal zu den Dingen, die mir in Deutschland bewusst geworden und aufgefallen sind. In den nächsten Tagen steht bei mir Einiges an. Neben diversen Treffen mit Mitgliedern vom Deutschen Club (Einarbeitung in das Ehrenamt) und einem Kochkurs, meinen chinesisch Stunden, werde ich noch mit zwei Freundinnen am Ende der Woche in die Wasserstadt Zhujiajiao fahren. Meine chinesisch Stunden werde ich jetzt auch erstmal wieder aufstocken, irgendwie habe ich das Gefühl, dass es im Moment nur sehr schleppend vorangeht. Wahrscheinlich wird kommende Woche, dann ein Post zum Kochkurs und einer zum Thema Vorurteile online gehen. Mal sehen.

 

Ich wünsche euch noch einen schönen Sonntag

bis dahin

eure Sarah

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