Leben in Shanghai #4 – I Love SHG

Die letzten zwei Tage habe ich ein bisschen geschwächelt und mich im Bett verkrochen. Gefühlt komme ich im Moment zu nichts. Neben meinem chinesisch Unterricht packe ich im Moment unseren Kram zusammen, denn am Samstag ziehen wir endlich um – der ganz normale Wahnsinn eben.

Nachdem ich in meinem letzten Post so sehr über die schlechte Luft gemeckert habe, möchte ich heute ein bisschen von den Dingen erzählen, die ich hier jetzt schon liebe und in Deutschland definitiv vermissen werde.

 

Be Yourself

Wenn ich eins merke, dann dass Aussehen und Kleidung hier keine Rolle spielen. Du gehst mit deiner Jogginghose und einem schicken Hemd ins Büro? Kein Problem – es wird dich definitiv keiner komisch anschauen. Mit Leggins, Pullover und Sneakern in die Skybar im 5 Sterne Hyatt im 92. Stock des Bottle-Openers? Ebenfalls kein Problem. Egal, was du anziehst, es wird dich hier definitiv keiner in eine Schublade stecken. Ein Gefühl, dass für mich irgendwo doch neu ist. In Deutschland neigen wir extrem dazu, Menschen nach ihrem Äußeren zu Werten und dann noch am besten in eine Schublade zu stecken. Ich habe mich deshalb immer extrem unter Druck gesetzt gefühlt. Sprüche wie “Lässt du dich jetzt gehen, weil du verheiratet bist?” usw. haben mich immer extrem geärgert. Es gab vor ein paar Jahren eine Zeit, da hatte ich oft das Gefühl mich hinter Make-Up und guter Kleidung verstecken zu müssen, nur damit ich nicht komisch beäugt und in keine Schublade gesteckt wurde. Seit ich in Shanghai bin, merke ich wie gut es mir tut, dass ich nicht blöd angeschaut werde, nur weil ich mal wieder nicht geschminkt oder kunterbunt angezogen bin. Hier werde ich bloß angestarrt, weil ich Europäerin bin.


WeChat

Ein sehr umstrittenes und oft diskutiertes Thema in Deutschland ist WeChat. Da diese App gefühlt alles kann, weiß sie auch gefühlt alles über einen. WeChat ist quasi eine Kombination aus WhatsApp, Facebook, Skype/Facetime, Instagram, OnlineBanking, ShoppingApp etc. und kann gefühlt alles. Da Google, Facebook, WhatsApp, Instagram usw. in China nicht funktionieren, führt kein Weg an WeChat vorbei. Ich finde es unglaublich praktisch, mehr oder weniger alles in einer App zu haben. Schon nach kurzer Zeit kann man nicht mehr Ohne leben. Das liegt nicht nur an der Chatfunktion, obwohl diese deutlich mehr zu bieten hat als WhatsApp, sondern daran, dass viele Dinge in Shanghai nicht damit funktionieren. Dabei ist in meinen Augen eine der wichtigsten Funktionen die WeChat-Wallet bzw. WeChat-Pay. Mit einer chinesischen Bankverbindung hinterlegt, steht einem mit WeChat-Pay ganz China offen. Mit Hilfe eines QR-Codes und eines Barcodes kann man damit nahezu alles bezahlen. Mit einer deutschen Bankverbindung geht es leider nicht, dafür ist WeChat bei uns einer nicht verbreitet genug und über einen QR-Code können wir in Deutschland ebenfalls nicht bezahlen.  Als ich letztens bei Starbucks meinen Kaffee kaufen wollte, wäre dies ohne WeChat-Pay nicht möglich gewesen, da man meinen 100 RMB Schein nicht wechseln konnte. Es passiert hier immer wieder, dass Bargeld nicht gewechselt werden kann und deshalb nicht genommen wird. Das Bezahlen über WeChat-Pay und AliPay (eine weitere Möglichkeit via Handy zu bezahlen) ist hier das gängige Zahlungsmittel.  Prepaidkarte aufladenß Stromrechnung bezahlen? Alles kein Problem über das WeChat-Wallet. Des Weiteren kann man WeChat mit anderen Apps verknüpfen und so z.B. über DIDI (eine wirklich tolle Taxi- und Fahrdienst-App) Taxis rufen und direkt bezahlen. Dies sind nur ein Paar der vielen wirklich guten Funktionen der App. Ich glaube, ich muss bei Gelegenheit mal einen Post nur über WeChat schreiben. Denn es gibt noch einige Funktionen, die ich mir in Deutschland wirklich wünschen würde.


Food-Sharing

Chinesisches Essen und die Tischmanieren sind für uns Europäer doch recht gewöhnungsbedürftig. Schmatzen, Rülpsen usw. sind hier ganz normal. Genauso, dass an Fleisch meistens noch der Knochen dran ist und viele Dinge ähnlich wie bei uns im Ganzen auf dem Teller liegen z.B. Garnelen. Allerdings würden wir zum zerlegen die Hände nehmen. Der Chinese nimmt die Garnele komplett in den Mund und spuckt, dass was er nicht mag bzw. nicht essen kann auf den Teller. Am Anfang ist Das gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile habe ich mich so daran gewöhnt, dass ich es garnicht mehr wahrnehme. Auch wenn vieles am Tisch sehr befremdlich erscheint, gibt es hier eine Sache, die in meinen Augen in Deutschland im Restaurant viel zu kurz kommt und hier ganz normal ist. Ich nenne es einfach mal Food-Sharing. Gemeinsam wird alles bestellt, worauf man Lust hat und in die Mitte des Tisches gestellt. Mit den Stäbchen nimmt man sich das, worauf man Lust und Appetit hat auf den Teller. So kann man alles durchprobieren und wenn es nicht genug ist, dann wird einfach nachbestellt. Gerade für mich unschlüssigen Mensch, der einfach nie genau weiß, was er bestellen soll, ist das genial. In einem DimSum Restaurant haben wir so zu 5 gefühlt die ganze Karte (bis auf das Dessert) durchprobiert. Dazu muss man aber auch sagen, dass die Portionen meistens auch sehr klein und günstig sind. Z.B. In DimSum Restaurants bekommt man meistens, 3 Baozi als eine Portion oder 6 SoupDumplings. Beim Sushi ist es ähnlich. Wenn man eine California Role bestellt bekommt man 4 Stück und keine ganze Rolle. Wer jetzt denkt, dies sei nur in günstigeren Restaurants so, der irrt sich. Selbst in höheren Preiskategorien und auch bei Geschäftsessen wird das Essen geteilt. Irgendwie ist ein gemeinsames Abendessen durch das Food-Sharing viel kommunikativer. Mit fremden Menschen bricht das Eis schneller, da sich alles sehr familiär anfühlt. Ich finde es schade, dass wir unser Essen eigentlich nur zu Hause teilen und das dies in Restaurants eher selten ist. Auch wenn die Tischmanieren hier ganz anders sind als bei uns, das Food-Sharing liebe ich über alles und werde es in Deutschland sehr vermissen.

 

 

Es gibt noch so viele Dinge, die ich hier liebe und lieben gelernt habe. Allerdings würde das den Rahmen des Beitrags sprengen. Ich habe mir überlegt, dass ich eine kleine Reihe daraus machen werde und hin und wieder über Dinge, die ich hier liebe (I Love SHG) und die mich richtig ankotzen (I Hate SHG), schreiben werde.

 

Bis dahin

eure Sarah

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